Dummheit hat Zukunft


Hell steht der Mond über Harrisburg im Staate Pennsylvania. Der berühmte Atomreaktor drunten im Tal ruht still im Frieden der Nacht. Droben, in dem berühmten College of Medecine, brennt noch ein spätes Licht, Professor Siegfried Streufert forscht. Der Gelehrte, freudestrahlend zur Presse: "Ich habe etwas herausgefunden, was unzählige Menschen erleichtern wird: Dummheit hat Zukunft."

Der Forscher kommt aus Bielefeld. Er zählt heute zu den besten Intelligenzforschern Amerikas. Mit den herkömmlichen Fragebogentests hat er als einer der ersten Schluß gemacht. Wer sich bei Streufert in Harrisburg den Kopf überprüfen läßt, wird acht Stunden lang in ein Laboratorium gesetzt, das mit Apparaturen vollgestopft ist wie ein Raumschiff. "Wir messen", sagt Streufert, "die Fähigkeit, in den unterschiedlichsten Situationen zu merken, was los ist."

Wenn der Dummheit die Zukunft gehört, haben dann allen Ernstes, im Leben und im Beruf, jene von uns die besten Chancen, die gar nicht merken, was los ist?

Professor Streufert blickt hinaus in die mondbeglänzte Nacht über den Appalachen. "Was meinen Sie, wie betroffen ich war, als ich bei meinen Forschungen zu diesem Ergebnis kam."

Da war zuerst Streuferts großes Börsenspiel mit Studenten der Universität Princeton. Vor dem Experiment wurde bei allen die Intelligenz gemessen. Dann wurden sie in zwei Gruppen aufgeteilt: die Dummen und die Intelligenten. Hernach bekam jeder hundert Dollar in die Hand gedrückt. Ein ganzes Semester lang durften sie alle an einer simulierten Wertpapierbörse damit spekulieren. Das Ergebnis war bestürzend eindeutig: Die Dummen hatten das ganze Geld, die Gescheiten waren bankrott.

Je dümmer, desto geschäftstüchtiger? "Ich hatte dieses Ergebnis noch nicht verkraftet", fährt der Gelehrte fort, "als mir die Sache mit dem Herzflattern auffiel." In Streuferts Laboratorium wird bei den Prüflingen, die ganzen acht Stunden über, auch das Herz samt Kreislauf kontrolliert. Bei einer Reihenuntersuchung von Managern fiel dem Professor zum erstenmal auf, daß die intelligenteren stärker an Herzflattern und Herzklopfen leiden, ja überhaupt an den verschiedensten Unregelmäßigkeiten des Herzschlags, auch an Verengungen der Herzkranzgefäße. Zuerst dachte er sich nicht viele dabei, doch dann ging er systematisch an die Sache heran.

In großem Umfang sammelte Streufert Daten über Personen, die es im gleichen Alter gleich weit gebracht hatten, die sich aber in diesem einen Punkt unterschieden: Die einen hatten ein gesundes Herz. "Diese beiden Personengruppen baten wir hier ins Labor und untersuchten sie auf ihre Intelligenz." Das Ergebnis ist beklemmend: Die Dummen sind eindeutig gesünder als die Intelligenten. Das gilt, wie ich inzwischen herausgefunden habe, nicht nur für Herz und Herzkranzgefäße, sondern auch für Magen und Darm."

Professor Streuferts dritte Untersuchung ist so niederschmetternd, daß er kaum darüber reden mag. Auftraggeber: die US-Army. Diese Armee war zur Erkenntnis gelangt, daß es unter ihren hohen Offizieren zu viele Dummköpfe gibt. Professor Streufert bekam den Auftrag, zu untersuchen, woran das liegt.

"Daraufhin", erzählt der Gelehrte, "haben wir in unserem Laboratorium eine große Zahl von Militärs untersucht, und zwar ganz einfache Soldaten ebenso wie sehr hohe Offiziere. Wir stießen auf die überraschende Tatsache, daß die Intelligenz, die oben in der Armee so schmerzlich fehlt, unten durchaus vorhanden ist." Unter den frisch eingezogenen Rekruten nämlich gibt es Intelligente, ja Hochintelligente genug, um alle militärischen Kommandostellen mit erstklassigen Köpfen zu besetzen. Warum dann die vielen dummen Generäle?

In den alleruntersten Karrierestufen, etwa bis zum Oberleutnant, werden die Intelligenten ausgeschieden. Fast alle. Die wenigen Intelligenten, die es bis zum Oberleutnant bringen, steigen nachher allerdings glänzend auf - sie sind ja auch, ab dieser Stufe, Mangelware. Die meisten Intelligenten aber bleiben im Kampf um die allerersten Beförderungen hoffnungslos auf der Strecke. Jene hingegen, die nichts hören und nichts sehen, steigen stur und unbeirrt empor. Bis in die höchsten Kommandostellen über Leben und Tod. "Top secret", sagt Professor Streufert. "Sonst wird noch in der Öffentlichkeit das Vorurteil genährt. Dummheit sei ein besonderes Problem des Militärs." In Wirklichkeit ist es ein Zeichen von Intelligenz, daß die Army immerhin auf die Idee kommt, sich auf ihre Dummheit untersuchen zu lassen."Andere Berufe", sagt Professor Streufert, "sind sich selbst gegenüber viel blinder. Und somit dümmer."

Die Nacht über Pennsylvania ist sternenklar. Sinnend blickt der Gelehrte empor zum Mond. Denkt er an die Kirche? "Nein", sagt er, "ich denke an die Universitätsprofessoren."

Siegfried Streufert ist ein Mensch von erlesener Höflichkeit. Ganz leise nur und durch die Blume erzählt er von seinen Jahren als junger Wissenschaftler an der Universität Bielefeld. Von der sauren Besserwisserei, von der erstickenden Beschränktheit und Schulmeisterei im akademischen Betrieb deutscher Provinz. "Der Mann auf der Straße", sagt er, "macht sich keine Vorstellung, in welchem Maße gerade die Universität ein Hort der Dummheit ist."

Das hat einen Grund. An der Universität muß gedacht werden. Gerade im Denken aber ist der Dumme dem Gescheiten gegenüber weit im Vorteil. "Schauen Sie mal das hier an", sagt Professor Streufert und legt zwei Grafiken auf den Tisch, voll von Linien und Knoten. Die eine zeigt den typischen Denkablauf im Kopf eines Intelligenten, die andere den im Kopf eines Dummen. Der Unterschied fällt ins Auge: Im Kopf des Dummen ist alles viel klarer. Im Kopf des Dummen führen wenig, dafür kräftige und saubere Linien des Denkens zu den festen Knoten sicherer Schlußfolgerungen und rechtzeitiger Entscheidungen. Im Kopf des Intelligenten dagegen sieht es aus wie in einem Wollknäuel, der einer Katze in die Pfoten gefallen ist. Eine Unzahl von Denklinien verhaspeln sich kreuz und quer ineinander und durcheinander. Schlußfolgerungen werden immer wieder aufgeschoben. Entscheidungen finden gar nicht erst statt. "Können Sie sich vorstellen", fragt Siegfried Streufert, "wie es im Kopf von Albert Einstein ausgesehen hat?"

Wohl ist Einstein nie im Laboratorium in Harrisburg untersucht worden. Aber es genügt, seine Schriften zu lesen. Einstein hat etwa so wirr gedacht wie ein Hund, der an fünfzig verschiedenen Stellen gräbt, immerzu auf der Suche nach einem einzigen Knochen. "Der normale Universitätsprofessor", erklärt Professor Streufert, "ist Einstein weit überlegen. Er gräbt sein ganzes Leben lang immerzu nur an einer Stelle. Dafür aber meistens gleich an der richtigen. Weil er dumm ist, gräbt er nämlich dort, wo ein anderer, intelligenterer bereits vorgegraben hat."

Der Dumme, das ist seine größte Stärke, weiß, worauf es ankommt. "Hat er dann auch noch recht", sagt Professor Streufert, was ja nicht selten der Fall ist, dann ist er unschlagbar gut."

Das ist der Grund, weshalb die Dummheit - schneller als in der Armee, glänzender noch als an der Universität - in einem dritten Beruf karriere macht: Der Dumme ist der geborene Journalist.

Wer bereits verkabelt ist, mache folgendes Experiment: Er schalte sämtliche Fernseh-Programme durch, achte dabei aber nicht darauf, was gesagt wird, sondern nur auf die Art, wie es gesagt wird. Dann fällt auf, daß - unabhängig vom Gegenstand - durch alle Programme der gleiche Ton herrscht: Äußerst Wichtiges wird von äußerst wichtigen Menschen im Tonfall äußerster Wichtigkeit verkündet. Das ist genau der Ton, zu dem ein intelligenter Mensch von vornherein unfähig ist. Warum? Der Basler Humanist Erasmus von Rotterdam hat es auf eine ganz kurze, klassische Formel gebracht: "Intelligenz macht schüchtern."

Intelligenz beginnt mit dem Gefühl für die völlige Unwichtigkeit der eigenen Person, für das geringe Gewicht, für die große Zweifelhaftigkeit der eigenen Ansichten. Erasmus belegt es mit zahllosen Beispielen: Intelligenz hat etwas mit Scham zu tun, mit Hemmung.

In keiner Podiums-Diskussion kann sich der Intelligente durchsetzen. In keinem Frühschoppen käme er auch nur zu Wort. Als Moderator gar würde er jämmerlich versagen. Beim Schreiben potenzieren sich die Schwierigkeiten, die der Intelligente schon beim Reden empfindet. "Ohne Ende", schreibt Erasmus, "quält sich der Gescheite mit Einfügen, Abändern, Ausstreichen, Neuschreiben, Umschreiben, Weglegen und Tatholen; neun Jahre läßt er das Ding still reifen, nie kommt er zu einem Ende." Ganz anders der Dumme: "Er schmiert hin, was in die Feder läuft, wie ihn die Lust überkommt."

Nun ist es die älteste Erfahrung der schreibenden Zunft, daß ein Bericht nicht besser wird, wenn man endlos daran herummurkst. Je länger sich der Intelligente mit Schreiben quält, desto schlechter wird sein Text. Zum Schluß ist er unlesbar.

Ganz anders der Text aus der Feder des Dummen. Weil er so flink und munter geschrieben ist, liest er sich auch lebendig und spannend, ja oft ausgesprochen witzig. "Kommt doch stets das Mieseste am besten an", schreibt Erasmus. "Denn die Mehrheit des Publikums ist eingeschworen auf Dummheit."

Erasmus von Rotterdam hat von 1469 bis 1536 gelebt. Er war der intelligenteste Mann seiner Zeit. Und er wußte nicht ein noch aus. Hilflos sah er sich eingekeilt zwischen die große Dummheit des Papstes und die noch größere Dummheit Martin Luthers. Mit Grausen sah er zurück in die Dummheit des untergehenden Mittelalters. Mit noch größerem Entsetzen sah er - kurz nach der Erfindung des Buchdrucks - die neue Dummheit des Medien-Zeitalters voraus.

Um sich den Alptraum von der Seele zu lachen, schreib Erasmus von Rotterdam das "Lob der Dummheit". Es sei kein Zufall, schreibt er, daß die Dummheit in allen Bereichen des Lebens triumphiert. Das liege vielmehr daran, daß sie Anfang und Ursprung allen Lebens sei: "Was mein ihr? Ist es der Kopf, das Gesicht, die Brust, die Hand, das Ohr, kurzum ein sogenanntes edles Körperteil, aus dem das Leben kommt?" Nein, es ist der Penis. "Diesem dümmsten aller Glieder verdanken alle ihr Leben, selbst die Weisen, selbst die dreimal heiligen Päpste."

Aus Dummheit geboren, entwickelt sich das menschliche Leben nur da schöpferisch und kräftig, wo es dem Prinzip Dummheit treu bleibt: "Die Dummheit gründet die Staaten, von ihr lebt jede Obrigkeit, lebt die Kirche, leben Feldherren, Räte und Richter."

So geht das Leben seinem Ziel entgegen. Das ist die ewige Dummheit. Es sei auf jeden Fall höchst auffällig, schreibt Erasmus, das Jesus im Evangelium "die Seinen, die er zum ewigen Leben bestimmt hat, Schafe nennt". Ist doch das Schaf "laut Aristoteles das allerdümmste Tier". In diesem Zusammenhang, Fähr Erasmus unbekümmert fort, sei es auch sehr bedenklich, daß Jesus selber von der Christenheit immerzu als "Lamm Gottes" angerufen werde.

"Wenn die Dummen wirklich so viel erfolgreicher sind und glücklicher als die Intelligenten", sagt Streufert, "dann muß das daran liegen, daß die Dummen in irgendeinem Sinne besser sind als die Intelligenten. Daß es etwas gibt, was die Intelligenten von ihnen lernen können."

Um dem Erfolg der Dummheit auf die Spur zu kommen, hat Professor Streufert seine früheren Untersuchungen noch einmal von Grund auf neu analysiert. Zum Beispiel das Börsen-Experiment mit den Studenten in Princeton, bei dem die Dummen zum Schluß das ganze Geld hatten. Streufert hatte dieses Börsen-Spiel von vornherein ganz einfach gestaltet, weil der dachte, daß Studenten mit solchen Geschäften nicht viel Erfahrung haben. In unerwarteter Weise kam das den dummen Studenten zugute. In der Einfachheit ihres Verstands nahmen sie die Spiel-Situation genauso einfach wahr, wie sie tatsächlich war. Deshalb fällten sie ihre Entscheidungen richtig und rechtzeitig. Die intelligenten Studenten dagegen verloren ihre Zeit damit, Komplikationen zu wittern, über Komplikationen zu spekulieren, die es tatsächlich gar nicht gab. So übersahen sie die nächtsliegenden Schlußfolgerungen und kamen nie zu rechtzeitigen Entscheidungen. So gingen die Intelligenten bankrott.

Ähnliche Gründe scheint zu haben, daß intelligente Manager eher herz- und magenkrank werden als dumme in gleicher Position. Der intelligente Manager hat nämlich eine fatale Neigung, viel zu weit vorauszudenken und sich mit Problemen zu quälen, die sich niemals stellen. Was aber die wirklichen, unmittelbar anstehenden Schwierigkeiten betrifft, so fehlt dem intelligenten Manager oft die "capacity to close" - die Fähigkeit, endlich Schluß zu machen mit Nachdenken und zu handeln. So lebt er, anders als der Dumme, in einer immerwährenden nervösen Spannung. Zum Schluß wird er krank.

Und warum scheidet der intelligente Rekrut im Wettlauf um die allerersten Beförderungen in der Armee vorzeitig aus? Es ist ein bißchen zu leicht und zu billig, der Armee den Vorwurf zu mache, daß sie die glänzende Intelligenz manches Abiturienten nicht auf dem Kasernenhof unverzüglich erkenne und würdige. Vielleicht nämlich ist der intelligente Rekrut selber schuld, daß er nicht weiterkommt. Warum merkt er nicht, daß die ersten Tage in einem neuen Beruf nicht der richtige Augenblick sind, um vor Intelligenz zu sprühen? Daß er besser täte, wie andere nicht so intelligente Rekruten, erst mal den Betrieb in aller Ruhe ein bißchen kennenzulernen?

Alle drei Untersuchungen zeigen im Grunde das gleiche: Der Intelligente verliert gegen den Dummen, weil er seine Intelligenz falsch einsetzt: im falschen Augenblick, an falscher Stelle, mit falscher Intensität - jedenfalls so, daß sie bei der Lebensbewältigung nicht hilft, sondern stört. Besonders in einfachen, übersichtlichen Situationen kommt deshalb jener besser voran, der so wenig Intelligenz hat, daß er sich gar nicht falsch einsetzen kann.

Der Gelehrte senkt die Stimme: "Ich will Ihnen jetzt ein zweites Geheimnis anvertrauen. Gelegentlich kommt auch das Gegenteil vor. Manchmal ist der Dumme der Dumme."

Manchmal - nicht sehr häufig - ist tatsächlich etwas los: Die Situation ist neu, unvorhergesehen und unübersichtlich. Das ist der Augenblick, wo die Fähigkeit, zu merken, was los ist, dringend gebraucht wird, und wo die sonst so erfolgreiche Dummheit versagt.

In seinem Laboratorium in Harrisburg hat Professor Streufert eine neue Forschungsreihe angefangen. Er untersucht jetzt die Denkabläufe im Kopf von Menschen, die ganz ungewöhnlich intelligent sind, zugleich aber auch, im Beruf und im Privatleben, ganz ungewöhnlich erfolgreich; glücklich und gesund. "Das Ergebnis", sagt er, "ist eindeutig". Über ihre Intelligenz hinaus haben diese Leute alle eine hochentwickelte Fähigkeit, zu merken, wann es nötig ist, zu denken und wann es besser ist, den Kopf abzuschalten." Eine Weile überlegt der amerikanische Intelligenzforscher: "Habe ich gesagt, daß die Zukunft den Dummen gehört? Dann nehme ich das zurück. Die Zukunft gehört jenen Intelligenten, die intelligent genug sind, von den Dummen zu lernen. Sie allein besitzen die Fähigkeit, je nach Aufgabe und Lebenslage mal gekonnt intelligent zu sein, mal gekonnt dumm."

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