Eine Rabengeschichte, Teil 4

Das Wetter ist umgeschlagen. Ein eisiger Ostwind kühlt mich bis auf die Knochen aus, während ich reglos sitze. Pedantisch achte ich bei der Tarnung auf jede Kleinigkeit: Den Hochsitz habe ich innen mit schwarzen Tüchern ausgehängt, damit die Lichtfetzen, die durch die Spalten der Fichtenbretter dringen, den Raben nicht verraten, wer im Innern lauert. Jacke und Hose wähle ich so aus, das sie nicht knistern, wenn ich mich bewege. Alle Objektive stehen in Position. Hinter meinen Sehschlitzen sitze ich mit halbgeschlossenen Augen, damit anfliegende Raben kein lauerndes Augenpaar erschreckt. So hoffe ich Tag für Tag, wenn ich nur ausharre, zum Foto zu kommen.

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Bis eines Morgens zwei Raben heransegeln. Meine Nachbarn sozusagen. Sie haben auf den blankgegriffenen Ästen einer Tanne am Rand des Sauengeheges ihre Warte und kommen herüber an den Fuß meines Hochsitzes, wo die Wildschweinrotte sich wieder einmal zufrieden suhlt. Der größere der beiden Vögel marschiert entschlossen in das Gesichtsfeld meines Sehschlitzes und fixiert unverwandt das dunkle Innere des Kastens. Einige Sekunden sehen wir uns so an: mit halbgeschlossenen Augen ich, der Rabe mit seitlich gestelltem Kopf und geducktem Körper, flugbereit. Gleich, das ahne ich, werden die Beiden fortfliegen. Ich höre schon das verhaßte Huuuu ihres Flügelschlags. Da blitzt, ich traue meinen Augen kaum, ein höhnischer Zug in der Miene des Raben auf. Ich bin durchschaut.

Obgleich doch heller Tag ist und alle Raben mich sehen können, klettere ich vom Hochsitz herunter und recke mich. Denn nun ist jede weitere Tarnung zwecklos. Sie haben längst gemerkt, daß ich ihnen nachstelle. Ich gesteh' mir endlich ein, was mir schon seit einiger Zeit aufgefallen ist: Wie sie mich unter allen harmlosen Besuchern des Wildparks erkennen und registrieren und nicht aus den Augen lassen. Wieder bleibt mir nur der Rückzug - und neuer Rat von Dr. Ellen Thaler aus Insbruck.

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Die kennt von zahmen Raben noch ganz andere Geschichten, als ich sie mit den gewieften Wildpark-Trabanten erlebt habe: Ein gefiederter Hausgenosse pflegte beispielsweise jedes Pflänzchen frisch gesetzten Salats auszuzupfen und fein säuberlich zu einem Haufen im Garten aufzuschichten. Ein anderer stahl dem Dackel einer Förstersfamilie die besten Stücke aus der Futterschüssel und plazierte sie so, daß der Dackel sie zwar sehen, aber nicht erreichen konnte. "Dann saß der Rabe auf der Stuhllehne und amüsierte sich königlich über den Dackel, der vergebens danach sprang". Das fehlt ja noch. Raben die sich amüsieren können ?

"Ja, und wie!" bestättigt die Vogelkennerin. "Sie stellen die Kopffedern in ganz besonderer Weise auf, so daß sie einen ganz runden breiten Schädel kriegen und hüpfen vor Vergnügen." In meiner Situation finde ich das absolut nicht komisch. Erst als Ellen Thaler mir die Adresse eines jungen schweizer Zoologen gibt, der freilebende Raben beobachtet, bin ich wieder besser aufgelegt. Es geht weiter.

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